Ja, es gibt einen Hype um Holakratie – und Holakratie wird unterschäzt

Patrick ScheuererHolacracy, organisationX, worX, XchangeLeave a Comment

Anfang Februar veröffentlichte Quartz einen Artikel, in dem sie suggerierten (wie viele andere auch), dass Zappos sich von der Holakratie “entfernen” würde, dem dezentralisierten Oraganisationssystem, das sie 2014 für das gesamte Unternehmen eingeführt hatten.

Der Artikel beschreibt, wie Zappos nun versucht, einen neuen Ansatz aufzubauen, der auf marktbasierter Dynamik (MBD) basiert, bei dem die Teams wie Start-ups arbeiten und das Unternehmen die Startfinanzierung für vielversprechende Ideen bereitstellt. Wer den Artikel liest, bekommt das Gefühl, dass Zappos sich durch die Holakratie zu stark auf interne Themen fokussiert hätte, dadurch die Kundenorientierung gelitten hat und sie sich deswegen von der Holakratie distanzieren und jetzt in eine ganz andere Richtung gehen.

Versuchen wir also, dem auf den Grund zu gehen und einen Sinn darin zu finden.

Das “Neue” als Allheilmittel

Wie bei jeder radikal neuen Erfindung gibt es in der Anfangsphase viele Missverständnisse. Die Menschen haben alle möglichen übertriebenen und unrealistischen Erwartungen. Sie hoffen, dass “das Neue” das Allerheilmittel für alle Probleme ist, denen sie begegnen. Dann gibt es die Phase der Desillusionierung, in der wir uns damit abfinden, dass “das Neue” nicht perfekt ist, dass es vielleicht noch einige Mängel hat und nicht alle Probleme löst, wie wir uns erhofft haben. Das ist ein entscheidender Punkt, denn hier äussern sich viele zum ” Neuen” und behaupten, “es hat nicht funktioniert”. In der Regel gibt es jedoch eine Gruppe von “Early Adopters”, die sich von den anfänglichen Rückschlägen nicht abschrecken lassen und sich immer weiter vorwärts wagen. Nachdem sie “das Neue” eingängig studiert und verfeinert haben, beherrschen sie seine Verwendung und wissen genau, wie und wann sie es einsetzen sollen. Und wann nicht.

Hype Cicle
Hype-Zyklus (eigene Darstellung von Patrick Scheuerer, Xpreneurs)

Hype-Zyklus

Die Holakratie ist agnostisch gegenüber Werten und Idealen. Als solche schreibt sie keine bestimmten “Präferenzen” oder organisatorischen Schwerpunkte vor.

Man kann eine auf Effizienz fokussierte Organisation auf der Grundlage von Holacracy aufbauen. Man kann aber auch eine gewinnmaximierende Organisation auf der Grundlage von Holacracy aufbauen. Ebenso kann man eine menschenorientierte Organisation auf der Grundlage von Holacracy führen. Ja, man könnte sogar eine Management-Hierarchie aufbauen, die auf den Regeln und Prinzipien der Holacracy-Verfassung basiert (natürlich würde ich das nicht empfehlen, da es eine Menge seines Potentials verschwenden würde).

Machen wir mal ein kleines Gedankenexperiment und ersetzen Holakratie durch das Klavier spielen. Nach einigen Übungsstunden zu sagen, dass “das Klavier nicht funktioniert”, macht nicht viel Sinn. Erstens: Um gut Klavier spielen zu können, muss man üben, üben, üben. Das braucht Zeit, Entschlossenheit und Hingabe. Es gibt immer wieder Unternehmen, die sich nach einiger Zeit von der holakratischen Praxis abwenden. Nicht weil Holacracy nicht funktioniert, sondern weil ihnen nicht gelungen ist, das Engagement und die Entschlossenheit aufzubringen, die nötig sind, um, die Praxis aufzubauen und darin kompetent zu werden. Außerdem kann man mit ein und demselben Klavier viele verschiedene Musikstile spielen. Einige davon könnten für die breite Masse sehr ansprechend sein. Andere könnten sehr experimentell und nur für ein Nischenpublikum ansprechend sein. Eine Aussage wie “Taylor Swift hat sich langsam von der Gitarre entfernt” wäre völlig verwirrend. Sie könnte ihren musikalischen Ausdruck zu einem anderen Stil weiterentwickelt haben. Und wahrscheinlich enthält ihr neuer Stil immer noch Elemente der Gitarre, vielleicht sind sie nur nicht mehr so prominent wie in ihrer älteren Musik.

Die Weiterentwicklung von Zappos

Aber kommen wir zurück zu Zappos. Anstatt zu sagen, dass Zappos sich von der Holakratie entfernt hat, wäre eine viel genauere und nuancierte Beobachtung meiner Meinung nach, dass Zappos die Holakratie “transzendiert und integriert” hat. Das bedeutet, dass es die Holakratie immer noch gibt, sie jedoch erweitert und um neue Dinge ergänzt wurde. Vielleicht bis zu einem Grad, wo es von aussen schwer ist, sie als solche zu erkennen. Übrigens: Die Holakratie hat die besten Elemente der Management-Hierarchie erweitert und  integriert. Alle Neuerungen und Errungenschaften der Management-Hierarchie sind immer noch da, nur besser. Ohne einen Teil des alten Gepäcks.

Organisationale Paradigmen

Frederic Laloux bietet in seinem Buch “Reinventing Organization” eine Entwicklungsperspektive auf Organisationen an. Der Grundgedanke dahinter ist, dass jede Form von Organisation eine Antwort auf Herausforderungen in einem spezifischen sozio-historischen Kontext ist. Zweitens bringt jede dieser Phasenverschiebungen im Organisationsdesign eine Reihe von Durchbrüchen oder radikalen Innovationen mit sich. Meistens bestehen diese Innovationen aus neuen Denkweisen. Und weil die Welt nicht still steht und ständig neue Herausforderungen entstehen, hat jedes dieser Organisationsparadigmen seine Grenzen. Und so hat jede Stufe dieser organisationalen Entwicklungsstufen in einem bestimmten Kontext optimale Wirksamkeit, verliert an Wirksamkeit, wenn sich dieser Kontext ändert und wird von einer nächsten Entwicklungsstufe transzendiert und integriert.

Um auf die Zappos-Herausforderung zurückzukommen: Viele Unternehmen mit einer traditionellen Struktur (Management-Hierarchie) stehen vor genau diesem Problem. Es ist sehr anspruchvoll, einen konsequenten Fokus auf das Kundenerlebnis aufzubauen und beizubehalten. Dieses Herausforderung wird jedoch nicht durch die Holakratie verursacht. Und ja, es ist selbst mit der Holakratie immer noch herausfordernd.

Stellen Sie sich die folgenden Fragen:

  • Was sind die “Transaktionskosten” für die schnelle und zuverlässige Verarbeitung eines “Signals” (dies kann eine z.B. eine Idee, ein Problem oder eine Gelegenheit sein. Kurz: alles, was zu einem besseren zukünftigen Zustand führen würde, wenn darauf reagiert wird) in Ihrer Organisation?
  • Wie schwierig ist es für die Mitglieder der Organisation, vom Erkennen eines Signals bis zu dessen vollständiger und zufriedenstellender Verarbeitung zu gelangen?
  • Wie viel Zeit braucht es, um die notwendige Unterstützung durch die Geschäftsführung und desManagements zu erhalten, um neue Ideen in Ihrer Organisation auf den Weg zu bringen?
  • Wie viel geistige Energie wird durch diesen gesamten Prozess absorbiert? Energie, die für produktivere und zielgerichtetere Bemühungen genutzt werden könnte?
  • Wie viel Frustration wächst dabei? Intern bei Ihren Mitarbeitenden und extern bei Ihren Kunden?

Wenn Ihrem Unternehmen Kundenorientierung und Kundenerfahrung ein wichtiges Anliegen ist, dann spielt alles, was die Holakratie zu bieten hat, zu Ihrem Vorteil und erleichtert dies. Und: es braucht immer noch Führung, Fokus, Einfühlungsvermögen, eine gute Dosis des  guten alten gesunden Menschenverstandes und viel, viel, viel Übung, um wirklich gut darin zu werden. Holakratie ist keine Magie, sie gewährt Ihnen keine drei Wünsche, aber sie ist immer noch eine der besten Voraussetzungen, um anpassungsfähiger, reaktionsfreudiger, innovativer und kundenorientierter zu werden.

Dieser Text wurde im Original von Patrick Scheuerer in Englisch auf LinkedIn unter dem Titel “Yes, Holacracy is overhyped – and underestimated” veröffentlicht

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