Wie funktioniert eine Organisation spannungsgetrieben?

“Peace is not the absence of conflict, but the ability to cope with it.” 

Mahatma Gandhi

Spannungen – Tensions – sind ein Kernelement in selbstorganisierten Unternehmen. Solche Organisationen sind ‘spannungsgetrieben’, das heisst, sie entwickeln sich immer aus der aktuellen Situation weiter.

Für uns Menschen, welche in diesen Organisationen arbeiten, kann dies ungewöhnlich sein, weil wir häufig damit negative Gefühle konnotieren und versuchen, durch das Antizipieren von möglichen Spannungen vorausschauend zu planen. Planung ist etwas Gutes, basiert jedoch auf Annahmen aus dem Moment heraus. Wenn die Organisation nicht die nötige Flexibilität aufweist, um auf eine unerwartete Spannung reagieren zu können, entsteht Stillstand, Frust und Konflikt.

Selbstorganisierte Organisationen haben feste Prozesse, wie mit Spannungen umgegangen werden kann.

WAS IST EINE SPANNUNG?

Definition einer Spannung¹

  1. auf etwas Zukünftiges gerichtete erregte Erwartung, gespannte Neugier
  2. der elektrischen Potenziale zweier Punkte, aufgrund deren zwischen diesen beiden Punkten ein elektrischer Strom fließen kann

Holacracy bezieht sich bei der Verwendung des Terminus “Spannung” vor allem auf die Arbeit und definiert es ein wenig anders:

Spannung from Xpreneurs on Vimeo.

Eine Spannung ist also die Differenz, eine Lücke, zwischen Ist-Zustand und Was-sein-könnte-Zustand. Diese Lücke kann sich unterschiedlich zeigen. Wichtig ist, dass durch diese Lücke Energie freigesetzt wird und somit in eine treibende Kraft zur Weiterentwicklung der Organisation verwendet werden kann.

WIE NIMMT MAN EINE SPANNUNG WAHR?

Eine Spannung kann sich auf verschiedene Arten bemerkbar machen. Manche davon sind subtil, manche sehr offensichtlich. Es erfordert je nach Reflexionsfähigkeit und Selbstwahrnehmung einer Person auch eine gewisse Übung Spannungen wahrzunehmen.

Selbstwahrnehmung und Reflexionsfähigkeit sind zwei der Basiskompetenzen der Emotionalen Intelligenz nach Daniel Goleman², welche als Grundvoraussetzung für high performance und optimales Führungsverhalten gelten. Selbstwahrnehmung stellt in Golemans Theorie die Grundkomponente der emotionalen Intelligenz dar und eine Voraussetzung, um Selbstreflexion ausüben zu können. Goleman unterscheidet zwei Aspekte der emotionalen Intelligenz: Metakognition, das Wahrnehmen des Denkprozesses, was der «Reflexionsfähigkeit» entspricht, und Metastimmung, das Wahrnehmen eigener Emotionen, was der «Selbstwahrnehmung» entspricht. Entscheidend für diese Meta-Prozesse ist eine neutral schwebende Aufmerksamkeit, welche das Geschehene nicht urteilend wahrnimmt und beobachtet.

Selbstwahrnehmung ist grundlegend für die Erlangung von psychologischer Einsicht, also Selbstreflexion. Ein Grossteil des Gefühlserlebens bleibt jedoch unbewusst. Emotionen, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle bleiben, können Wahrnehmungen und Reaktionen weitgehend beeinflussen, auch wenn ihr Wirken nicht bewusst nachvollziehbar wird. Eine negative Stimmung zu erkennen heisst, sie loswerden zu können. Dementsprechend wichtig ist auch der Aufbau dieser Fähigkeit, um die Wahrnehmung von Spannungen im holakratischen Sinne zu ermöglichen und zu erweitern.

Einige Möglichkeiten, wie sich Spannungen äussern, sind folgende:

  • Eine Idee, wie etwas besser gemacht werden könnte
  • Eine Person ärgert sich über etwas
  • Ein ‘dumpfes Gefühl’ bleibt nach einer Besprechung zurück
  • Im Gespräch wird eine Herausforderung offensichtlich
  • Am Abend denkt man dauernd über ein Vorkommnis des Tages nach
  • Jemand beklagt sich andauernd über eine Person / Situation
  • Immer bei der gleichen Aufgabenstellung setzt sich die Lust nach einer Zigarette / Kaffee / Schokolade durch

Wichtig ist, dass eine Spannung immer konkret ist. Dies bedeutet, dass es um eine spezifische und reale Gelegenheit oder Erfahrung geht, in der etwas besser sein könnte.  Was-wäre-wenn und abstraktes Wissen sind keine Spannungen in dem Sinne.

WIE GEHT MAN MIT EINER SPANNUNG UM?

Wenn nun im Arbeitsalltag eine Spannung wahrgenommen wird, kann folgendermassen damit umgegangen werden:

Schritt 1:  Festhalten der Spannung im Moment

Das Wichtigste im Umgang mit einer Spannung ist, sie in dem Moment festzuhalten, in dem sie wahrgenommen wird. Dies wird beispielsweise in einer Holacracy Praxis als eine der wichtigsten Gewohnheiten angesehen. Denn wenn Spannungen nicht festgehalten werden, gehen sie im Arbeitsalltag wieder unter und können somit nicht prozessiert werden. Das heisst, die Organisation kann sich auch nicht weiterentwickeln und die Vorteile einer selbstorganisierten Unternehmung entfallen zu einem Teil.

Spannungen können auf individuelle Weise festgehalten werden, jeder Mensch kann da sein eigenes System entwickeln. Stefanie erklärt in diesem Video den Vorgang und verschiedene Möglichkeiten, wie Spannungen festgehalten werden können.

Spannungsharvesting from Xpreneurs on Vimeo.

Schritt 2:  Spannungen sortieren

Wenn nun die Spannungen festgehalten sind, gilt es diese zu sortieren. Eine Spannung kann die operative Arbeit betreffen, die Struktur der Organisation oder kann auch eine persönliche Angelegenheit sein. Seine Spannungen anzusehen und diese zu sortieren ist ein wichtiger Reflexionsprozess.

Persönliche Spannungen sollten von den Spannungen, welche die Arbeit und Organisation betreffen getrennt werden. In traditionellen Organisationen wird dies oftmals nicht gemacht und so vermischen sich Persönliches und Arbeitsbezogenes und führen zu einem anstrengenden Lösungsprozess.

Holacracy bietet gute Fragen, wie die Spannungen zwischen operativer Tätigkeit und strukturellen Angelegenheiten identifiziert werden können. Die folgende Grafik zeigt einige Fragen, welche bei der Unterscheidung helfen können.

Schritt 3:  Spannungen bearbeiten

In selbstorganisierten Organisationen sind optimalerweise Prozesse vorgesehen, wie Spannungen, welche den Arbeitskontext betreffen, gelöst werden können.  

In Holacracy sind zwei Meeting Formate vorgesehen, welche zum Bearbeiten von Spannungen ausgelegt sind: Operative Spannungen, also solche, die den Arbeitsinhalte betreffen, werden im Tactical Meeting gelöst. Strukturelle Spannungen, welche Verantwortlichkeiten regeln, werden im Governance Meeting prozessiert.

WO LIEGEN DIE VORTEILE?

Spannungsgetriebendes Arbeiten hat verschiedene Vorteile.  Einerseits werden die Spannungen der Mitarbeitenden gelöst, was zu weniger Frust und Konflikten führt. Da jede Person die Möglichkeit hat seine eigenen Spannungen zu bearbeiten, entsteht auch ein persönliches Macht- und Gestaltungsgefühl. Andererseits ist spannungsgetriebenes Arbeiten auch sehr effizient, denn es werden immer genau diejenigen Herausforderungen bearbeitet, welche gerade anstehen. So werden Leerläufe vermieden und die Organisation kann sich schnell der aktuellen Umweltlage anpassen.

 


1) Duden, deutsche Rechtschreibung. Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Spannung

2) Goleman, D. & Boyatzis, E. (2016). Emotional Intelligence Has 12 Elements. Which Do You Need to Work On? Harvard Business Review. Verfügbar unter: https://hbr.org/2017/02/emotional-intelligence-has-12-elements-which-do-you-need-to-work-on

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