“Holacracy® im Alltag: Wie funktioniert eigentlich….” Mutterschaftsurlaub

Ende Juli 2018 durfte ich zum zweiten Mal Mutter eines kleinen Mädchens werden. Der damit verbundene Mutterschaftsurlaub hat einige Spannungen in unserer Holacracy® Praxis erzeugt. Denn bisher war Mutterschaftsurlaub (oder andere längere Absenzen) noch kein Thema bei uns. Plötzlich standen Fragen im Raum wie “Was geschieht mit meinen Rollen in meiner Abwesenheit?”, “Was geschieht bei meiner Rückkehr, erhalte ich meine bisherigen Rollen zurück?” und auf der persönlichen Ebene, “Wie bleibe ich auf dem Laufenden?”. In diesem Beitrag möchte ich erzählen, wie wir das Thema angegangen und die Spannungen gelöst haben.

Als ich wieder schwanger wurde habe ich mich natürlich sehr gefreut. Was meine Arbeit betraf hatte ich aber irgendwie ein komisches Gefühl. Anfangs war ich unsicher, woher dieses Gefühl kommt. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass gerade einige spannende und grosse Projekte anstanden und ich Angst hatte, im dümmsten Moment auszufallen. Im Frühjahr haben wir unsere ersten beiden Holacracy® Practitioner Trainings zusammen mit HolacracyOne durchgeführt. Dafür galt es viel vorzubereiten. Alle Simulations-unterlagen mussten übersetzt und gestaltet, alle weiteren Trainingsmaterialien gedruckt und zusammen gestellt werden. Auch einige organisatorische Dinge musste ich regelen. Ich habe also sehr viel Energie in einige Rollen gesteckt und die Arbeit darin professionalisiert und organisiert. Das hat bei mir zu einer emotionalen Verbundenheit mit meinen Rollen geführt und diese Verbundenheit wiederum zu einer Art Verlustangst. Der andere Grund für mein komisches Gefühl lag in der Organisation nach Holacracy an sich. Denn eine Person ist nur solange Teil der Organisation im holakratischen Sinn, wie sie eine Rolle inne hat. Den die Organisation im holakratischen Sinn repräsentiert nicht das Unternehmen als Ganzes.

 

WAS WEISS ICH BEREITS?

Holacracy® trennt bewusst die persönliche und die arbeitsbezogene Ebene, und nur die arbeitsbezogene Ebene ist in der Verfassung geregelt. Dies bedeutet, dass jede Organisation, die die Holacracy® Verfassung ratifiziert hat selber Rollen und sonstige Gefässe definieren muss, welche sich um die persönliche Bedürfnisse kümmern. Ausserdem sind auch keine Prozesse definiert, also gibt es keine Vorlage, wie im Fall einer längeren Abwesenheit einer Person vorgegangen werden muss. Ich wusste Folgendes: Ist eine Person einer Rolle zugewiesen, können andere Rollen von dieser Person (in der zugeteilten Rolle) Arbeit erwarten. Da ich während meines Mutterschaftsurlaubs aber nicht arbeite, kann ich folglich auch keine Rolle ausfüllen. Eine Person kann keinen Anspruch auf eine Rolle erheben. Zuständig für das Finden der besten Passung von Personen und Rollen ist der Lead Link des Kreises. Das heisst nun für mich, dass ich meine Rollen abgebe und nicht weiss, welche Rollen ich nach meinem Mutterschaftsurlaub ausfüllen werde.

Meine Unsicherheit und die Verlustangst wurden besser, nachdem ich herausgefunden hatte woher diese kommt. Bald wurde mir wieder bewusst, dass es für mich eigentlich eine Chance ist, alle Rollen abzugeben und bei meiner Rückkehr zu schauen, welche Rollen in meiner veränderten Situation am besten für mich passen. Genau deswegen ist die Trennung der persönlichen und der arbeitsbezogenen Ebene auch so wichtig. Es hilft manchmal, wieder einen Schritt zurück zu treten und zu reflektieren, bin ich noch die geeignetste Person um diese Rolle auszufüllen und deren Sinn und Zweck weiter zu entwickeln?

 

WAS HEISST DAS NUN FÜR DIE ZEIT MEINES MUTTERSCHAFTSURLAUBS?

Das Wichtigste vorab; auch ohne aktive Rolle bleibe ich als Person erstmal Mitglied des Unternehmens und der Gruppe von Menschen, die in diesem Unternehmen arbeiten. In erster Linie ist jedes Organisationsmitglied als Mensch Partner der Unternehmens. Ausserdem kann der Lead Link eines Kreises eine Person zum Kernmitglied ernennen, auch ohne Rolle (Art. 2.3.4.). Dies bedeutet, dass diese Person die Berichte der Tactical und Governance Meetings erhält und somit informiert wird, wenn es Änderungen in der Governance gibt. Soweit so gut, das hatte mich erst einmal beruhigt, ich werde also immer noch Teil der Organisation sein :-). Wir haben eine Rolle namens “Partner Pal”. Sie ist zuständig dafür neue Organisationsmitglieder willkommen zu heissen und deren Einarbeitung auf persönlicher Ebene zu begleiten. Diese Rolle haben wir via Governance Prozess erweitert, so dass sie auch für länger Abwesende Partner zuständig ist. Mit meinem Partner Pal hatte ich dann während meines Mutterschaftsurlaub immer wieder Kontakt. So habe ich mich trotz Abwesenheit als Teil der Organisation gefühlt und blieb über die wichtigsten Geschehnisse auf dem Laufenden. Natürlich hätte auch mein Partner Pal mit die Berichte der Tactical und Governance Meetings weiter leiten können. Wir hatten uns aber dazu entschieden, die technische Lösung zu wählen, da dies eine unkomplizierte Art und Weise ist informiert zu bleiben, und keine andere Rolle dabei zusätzliche Arbeit hat.

 

WAS GESCHIEHT MIT MEINEN ROLLEN?

Bleibt noch die Frage, was mit meinen Rollen während meiner Abwesenheit geschieht? Die anderen Partner von Xpreneurs hatten keine Kapazität diese Rollen zu übernehmen. Wir brauchen also Verstärkung. Wir hatten uns auf die Suche nach jemandem gemacht, der Lust hat den Sinn und Zweck von Xpreneurs weiter zu entwickeln und erstmal Interesse hat die freiwerdenden Rollen zu übernehmen. In Prisca Müller haben wir so jemanden gefunden. Schon während der Zeit meines Mutterschaftsurlaub hat sie dann auch weitere, ganz andere Rollen übernommen und nun, da ich zurück bin haben wir gemeinsam mit dem Lead Link unseres General Circles eine Rollenpassungs-Analyse gemacht. Dabei haben wir uns mit unseren Werten, Stärken und Bedürfnissen auseinander gesetzt und geprüft welche Rollen geben uns Energie und welche sind uns eher ferner und kosten uns Energie. Auf Basis dessen sind wir dann unsere und die Rollen der Organisation durchgegangen und haben uns angeschaut wo die besten Passungen sind. Danach haben wir über unseren Rollenmarktplatz kommuniziert, welche Rollen wir gerne abgeben und / oder übernehmen würden. Die Zuteilung der entsprechenden Personen zu den Rollen macht nun der Lead Link, da dies in seiner Verantwortlichkeit liegt.

 

WIEDER DA, UND JETZT?

Schneller als gedacht war mein Mutterschaftsurlaub auch wieder zu Ende und ich bin wieder zurück im Arbeitsalltag. Ich freue mich, wieder zu arbeiten und mit neuer Energie Rollen auszufüllen. Teilweise habe ich Rollen, die ich vor meiner Abwesenheit schon ausgefüllt habe, wieder übernommen, zum Teil habe ich aber auch ganz andere Rollen gefunden, die ich mit Elan neu ausfüllen kann. Ein weiteres Mal bin ich froh, und auch ein bisschen stolz, in einer evolutionären Organisation zu arbeiten und Teil dieser sich immer wieder anpassenden Arbeitsumgebung zu sein.

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